Donnerstag, 8. Oktober 2015

Rezension: Katharina Hartwell * Der Dieb in der Nacht


Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Berlin Verlag
ISBN-13: 
978-3827012791
Preis: 20,00 EUR
E-Book: 15,99 EUR
Reihe: 1/1 
Erscheinungsdatum: August 2015




Inhalt:
Paul sitzt in einer Prager Kellerbar und traut seinen Augen nicht, der Mann ihm gegenüber, erinnert ihn an seinen seit zehn Jahren verschwundenen besten Freund Felix. Im ersten Moment ist er geschockt, im Zweiten nicht mehr sicher und im Dritten sieht er Felix gar nicht ähnlich. Aber trotzdem ist Paul angefixt und spricht den Fremden an. Sie verabreden sich und Paul erfährt, dass dieser Mann Ira Blixen heißt und sich an seine ersten 20 Lebensjahre nicht erinnern kann. Ist es dann Zufall, dass Paul ihm begegnet ist? Und warum erinnert er ihn so sehr an Felix? Wie er sich bewegt, spricht und er hat sogar sein Muttermal an der gleichen Stelle. Könnte es Felix sein? Und wenn nicht, warum begleitet Blixen Paul nach Deutschland? Ein Rätselspiel beginnt um Sehnsucht, Angst, Identität und immer der gleichen Frage, wo ist Felix?

Meinung:
Als Erstes ist mir bei diesem Buch die tolle Covergestaltung ins Auge gesprungen, sie ist ein bisschen gruselig, düster und trotzdem anziehend. Wahrscheinlich ist es der Pinke Blickfang und dann der Name, der Dieb in der Nacht, dieser Titel hat mich einfach magisch angezogen, vielleicht weil er auch eine Überschrift für ein Märchen hätte sein können, außerdem stellte man sich direkt die Frage, was möchte der Dieb denn besitzen, entwenden, oder haben. Diese ganzen Punkte waren schon ein klares Ja für dieses Buch und dann erst las ich den Klappentext und war fasziniert. Was für ein schweres Thema, der ungewisse Verbleib, nein, Verlust eines Freundes, Bruders und Sohnes. Wie geht man damit um? Kann man sein Leben irgendwie weiterführen? Wie schließt man diese Lücke? Und kann man mit den unbeantworteten Warum‘s irgendwie lernen umzugehen?

Dann begann ich den Roman zu lesen und stellte nach den ersten Seiten fest, dass diese Autorin eine unglaubliche Sprachgestaltung gewählt hat und diese im ganzen Buch beibehält. Sie beschwört eine düstere, nebelige, undurchdringliche Atmosphäre herauf und schafft so eine ganz besondere Stimmung. Dabei drückt sie sich sprachgewandt, bildhaft, kraftvoll und doch auch so poetisch aus. Ihre Figuren sind stark gezeichnet, mit Ecken und Kanten, die mit ihrem Verlust nicht umgehen können und ihr Leben so in Stand-by Modus behalten. Überhaupt hat es mir gut gefallen, das sie aus so einer einfachen Geschichte, so etwas Besonderes geschaffen hat, denn es geht in ihrem Werk ganz klar um die zurück gelassenen und nicht um den Verschwundenen. Sie nimmt sich wirklich dem schweren Thema an, denn in den seltensten Fällen bekommt nämlich die Familie, das Umfeld Antworten über den Verbleib des geliebten Menschen.

Als erstes wird die Geschichte von Paul, dem besten Freund von Felix erzählt, dieser findet ja auch Blixen. Zuerst hatte ich Mitleid mit Paul, er leidet sehr unter den Verlust seines besten Freundes, aber auch er hat eine zweite Seite, die einen nochmals darüber nachdenken lässt. Denn Paul ist auch ein Freund, der gern alles von Felix gehabt hätte, die Familie, die Unbeschwertheit, seinen Erfolg und überhaupt alles. Er klammerte sich an ihn dran und hat alles genommen, was er bekommen konnte.

Dann gibt es da Louise, die kleine Schwester, die immer etwas lauter, tollpatschiger und sturer war, als ihr großer Bruder. Sie hat sich immer nur als Anhängsel gesehen und konnte nie an Felix heranreichen. Nach dem Verschwinden von ihrem Bruder wurde es noch schlimmer, weil Louise nicht zurück ins Leben findet und den Kampf um Anerkennung und Liebe, in nichts tun umgewandelt hat.

Diese beiden treffen zuerst auf Blixen, und obwohl Louise am Anfang skeptisch war, wandelt es sich bald um und wird ein Kampf um Aufmerksamkeit, Besitz und Einforderungen. Es ist wirklich schön dargestellt wie Paul und Louise versuchen Blixen für sich allein zu haben, um ihre Lücke zuschließen. Erst später merken sie, dass sie Wirklichkeit und Wahrheit nicht mehr auseinanderhalten können und sich in etwas hinein verstricken, wo sie langsam aber sicher die Kontrolle darüber verlieren.

Agnes, Felix Mutter hingegen, ist zurück im Leben, sie unterrichtet wieder, hat einen neuen Partner und versucht für die zwei Kinder (sie sieht Paul auch als ihres an) da zu sein. Aber auch wenn sie nach außen hin gefasst, ja schon fast kalt wirkt, sieht es innen doch anderes aus, Schuld und falsches Handeln wirft sie sich vor und ist trotzdem machtlos dem ganz Gegenüber. Sie ist die Einzige, für die Blixen ein Schauspieler ist und doch ist sie von seiner Kunst beeindruckt und muss selber aufpassen, dass sie nicht auf seine Art reinfällt.

Die ganze Chemie in diesem Buch ist stimmig und dieses Verwirrspiel um Blixen wirklich toll in Szene gesetzt. Als Leser spürt man die schwere Stimmung und fühlt die Düsternis im Leben von jedem einzelnen Charakter, dazu noch die Beklemmung und immer wieder die Bedrohung den Verstand zu verlieren, aber auch die Hoffnung endlich wieder Leben zu können. Katharina Hartwell hat mit ihrer, nicht immer einfachen, Geschichte was ganz Besonderes geschaffen und durch ihre drei Hauptcharaktere gibt sie uns auch einen ganz ausgezeichneten Umblick auf alles und wir fragen uns immer ist es wahr oder doch nur Wunschgedanke. Ein wirklich tolles Buch mit viel Tiefgang und einem perfektem Ende.
 
Henry und ich fanden diese Geschichte berührend und bewegend und deswegen gibt es die vollen Bücherpunkte:

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Über die Autorin:


Katharina Hartwell, 1984 geboren, studierte Anglistik und Amerikanistik sowie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie war u.a. Gewinnerin des MDR-Literaturpreises und Stipendiatin des Landes Hessen und des Freistaates Sachsen. 2013 war sie die Sylter Inselschreiberin.
Ihr erster Roman »Das Fremde Meer« wurde begeistert aufgenommen und mit dem Hallertauer Debütpreis und dem Förderpreis für phantastische Literatur Seraph ausgezeichnet. Sie lebt in Berlin.

Quelle: Berlin Verlag

Weitere Bücher der Autorin:

http://buchhandlung-barbers.shop-asp.de/shop/action/productDetails/20655780/katharina_hartwell_das_fremde_meer_382701137X.html?aUrl=90009126&searchId=26


Vielen lieben Dank an den Berlin Verlag für das  Rezensionsexemplar. 


Kommentare:

  1. Servus, Inga.
    Die Psychologie von Figuren, das Innere hinter all dem Äußeren, ist für wortgewandte Literaten ein fruchtbares Feld. Wie hier zu sehen, wenn es um die Projektion eigener Vorstellungen &Bedürfnisse geht, die - weil willentlich gespiegelt - nicht viel mit der Realität der Wahrheit zu tun haben. Glaube versetzt Berge, wird gern zitiert; hier paßt es in der Tat, denn ein stures, blindes Glauben klammert jede Weitsicht (oder Vorsicht) aus.

    Besagte Aspekte passen auch auf jede Form der Religion - denke (!) ich.

    Besagter Mr. Blixen ist wohl denn auch Schwippschwager des Mr. Ripley... :-)

    Eine gelungen psychologische Betrachtung des Stoffes; allein die Lektüre der Rezi brachte mich auf den Ton einer (theoretischen) Verfilmung.

    bonté

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    1. Grüß dich Robert,

      oh wie ich sehe hattest du deinen Spaß beim Rezension lesen und das freut mich besonders, denn deine Gedanken passen wieder perfekt dazu. Ja es ist eine Besondere Geschichte, so einfach und doch so Tief, das könnte eine interessante Verfilmung werden ... Aber dann mit Starcharakter-Darstellern!!

      Hab noch einen schönen Abend
      Inga

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