Montag, 30. Januar 2017

Rezension: Karoline Cvancara * Am Tiefpunkt genial


Gebundene Ausgabe: 264 Seiten
Verlag: Wortreich
ISBN-13:
978-3903091023
Preis: 19,90 EUR
E-Book: 9,99 EUR
Reihe: 1/1
Erscheinungsdatum: November 2015




Inhalt:
Paul fühlt sich wohl in seinem Leben, er hat es nach seinem Geschmack perfekt eingerichtet. Er arbeitet in einer Buchhandlung, weil er selber gern liest, und hat eine Freundin, die ihr eigenes Leben hat und ihn seine Freiheiten lässt. So kann er rauchen, lesen und seiner Liebe zur Musik nachhängen. Bis er nach einem Konzertbesuch aufwacht und seine Freundin ihn mitteilt, dass sie ihn verlässt. Das allein haut ihn schon um, aber die Tatsache, dass sie ihn für einen seiner Freunde verlässt, macht alles noch viel schlimmer. Wie soll Paul jetzt nur damit umgehen? Und als ob das nicht schon schwer zu bewältigen wäre, eröffnet ihm sein Chef, dass er den Buchladen aufgeben möchte. Paul stürzt in eine tiefe Krise, aus Frust, Selbstmitleid und Wut. Diese versucht er mit Zigaretten, Alkohol und Musik zu bewältigen. Aber reicht das? Wie kann man ihn das antun? Wird er es schaffen, aus dieser Sinnkrise herauszukommen? Und ist nicht jedes Ende, ein neuer Anfang?

Meinung:
So recht wusste ich nicht, was mich bei diesem Roman erwarten würde. Immerhin hat ja so jeder seine Probleme und gerade die Sorgen in Liebe und Job, sind für alle nicht ganz unbekannt. Also was soll mir Paul da Neues berichten und kann mich seine Geschichte erreichen? Waren für mich wirklich ganz wichtige Fragen, aber nicht zu dem Zeitpunkt, wo ich das Buch in den Händen hatte, sondern später, denn seine Geschichte hat mich in einem Moment hart getroffen, als ich selber um meinen Arbeitsplatz und neue Perspektiven bangen musste.

Paul ist Einzelkind und statt Jura zu studieren und in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, merkt er schnell, das ihm sein Studienjob in der Buchhandlung mehr erfüllt und er von Aushilfe zum Angestellten wechselt. So kann er seiner Leidenschaft zu Büchern frönen und bequem sich der anderen, nämlich der Musik, widmen. Eine schöne Wohnung, jede Menge Platten und ganz viel Freizeit, was wünscht man sich mehr im Leben. Sogar die Freundin passt zu Pauls Lebensstil, jeder lebt seine Interessen aus, alles bleibt schön oberflächlich, ja nicht zu viel reininterpretieren und schon gar nicht irgendwelche Kraft für sinnfreie Diskussionen opfern. Immerhin möchte man doch einfach nur bequem Leben. Tja, und dann wird es in Pauls Leben schnell ungemütlich. Freundin an Freund verloren und die Existenz steht auf dem Spiel. Aber statt zu kämpfen, ertrinkt er lieber in Selbstmitleid. Paul ist ein sympathischer Träumer, der nicht gern über sich nachdenkt und sich lieber über gute Bücher und Jazzmusik identifiziert und darin hat er auf jeden Fall Geschmack.

Für mich war diese Geschichte allerdings auch ein Spiegel unserer heutigen Generation. Da ist wohl Paul keine Ausnahme, wie sehen die heutigen beruflichen Ambitionen aus, entweder man hat die Überflieger oder die, die einen Job suchen, der ihnen viel Freizeit beschert. So wie Paul, denn so wirklich hat er sich über seinen Beruf nie Gedanken gemacht, es hat sich viel mehr ergeben. Die Frage, was möchte er im Leben erreichen, was würde ihn glücklich machen, ist er erfolgreich aus dem Weg gegangen und Freundinnen, die ihm zu nahe gekommen sind, wurden mit erfunden Gründen vom tiefer graben abgehalten. Aber nun muss er sich neu orientieren, allen Fragen, die er immer gemieden hat, stellen und einen Weg zum eigenen Glück finden. Sprich sich selbst finden.

Karoline Cvancara findet hier ehrliche und tiefgründige Worte. Am Anfang leidet man mit Paul mit, man möchte ihn helfen und gern unter die Arme greifen, aber dann kommt ein Punkt, wo man ihn einfach nur in den Allerwertesten treten möchte. Das macht sie so geschickt, dass man beim Lesen auch über sich selbst nachdenkt. Wie würde man selber reagieren, ist dieses verkriechen und jammern wirklich nur bei Paul so? Ich glaube, in vielen Situationen habe ich mich auch so gesehen und das hat mich ein bisschen erschreckt und beunruhigt, gerade was das Problem mit dem Arbeitsplatz angeht, diese Gefühle konnte ich gerade selbst genau nachempfinden, Schock, Wut, Traurigkeit, Selbstmitleid und ein bisschen Hoffnungslosigkeit, das direkt zu lesen, war hart und hat mich kalt erwischt, aber es hat auch gezeigt, man ist nicht allein damit und es findet sich immer eine Lösung. Somit ist der Spiegel, der hier aufgezeigt wird zwar schon schockierend, aber auch gleichzeitig Mut machend, denn es ist nie zu spät für einen neuen Anfang.

Ich mochte diese Geschichte wirklich sehr, denn auch wenn sie für mich in der Situation nicht einfach war, war sie auch sehr zeittreffend und aufbauend. Paul, der sich öffnet und seine Welt neu gestaltet, dieses Motto, es ist nie zu spät, sehr gut gewählt in unserer modernen Welt mehr als passend. Dazu noch die gut gewählten Worte der Autorin und die ganze stimmungsvolle Musik von Pauls Sammlung, gaben dem Buch den perfekten Rahmen. Für jeden, der mehr im Leben will und einen kleinen Tritt braucht.
 
Henry und ich fanden den Blick ins Leben sehr gelungen und vergeben die vollen Bücherpunkte:

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Über die Autorin:
   


Karoline Cvancara, geboren 1974 in Wien, Studium der Publizistik, Musikwissenschaften und Psychologie, lebt und arbeitet in der Wiener Josefstadt. War zehn Jahre tätig als Musikjournalistin. 1993 Gründung der Jazz-Zeitschrift “Jazz & More”. Seit 2002 literarische Veröffentlichungen in den Zeitschriften „Dum“, „Wienzeile“ und „&Radieschen“.  Mitglieder der Grazer Autorinnen Autoren Versammlung. 2006 erschien ihr erster Roman „Schlaflos“ (VIZA edit.)

Quelle: Verlag Wortreich

Vielen lieben Dank an den Wortreich Verlag für dieses Rezensionsexemplar. 

 

Kommentare:

  1. Salut, Inga.
    Ich denke mit eine wesentliche Säule des sich Befassen mit (beispielhaft) Büchern bleibt, sich darin auch spiegeln & sehen zu können. Was mir eine Geschichte oder Erkenntnis sagt. Wie sie mich möglicherweise hinterfragt, oder mir Perspektiven offenbart. Leben ist wandeln, die Reise zu den Facetten der eigensten Persönlichkeit.
    Beim anfänglichen Paul habe ich mehr das Gefühl es mit einem "Konsumierer von" zu tun zu haben. Konsumierer von Büchern, von Musik, von Beziehung. Nicht unähnlich Barflies, die sich einen Drink nach dem anderen geben, nur um abgefüllt zu sein.
    Von daher ist die Frage nach dem eigenen Blick auf sein Leben für Paul überfällig. Die Story kann beginnen.

    Mit eine der besten Besprechungen, die ich aus Deiner Feder gelesen habe. Chapeau dafür!

    Mein persönlicher Favorit der diesjahrigen Oscars bewegt sich übrigens in einer ähnlichen Konstelation des Lebens für die Hauptperson...'Manchester By The Sea'. Ein Juwel von einem Drama.

    bonté

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    1. Guten Morgen Robert,

      es gibt für mich eben viele facettenreiche Bücher, die, die unerhalten, die, die einen nachdenklich machen, um mal zwei davon zu bennehnen und das machen ja Bücher aus. Sie klingen in uns, bringen uns in andere Welten, entführen uns, erschrecken uns, aber klingen auch manchmal mächtig nach. Tja, und Paul hat halt eben genau meinem Nerv getroffen.

      Oh! Danke, dabei fand ich meine Rezension gar nicht so gelungen, wie sich doch unterschiedliche Betrachtungen bemerkbar machen, aber danke für das Lob :-)

      Ich kenne sogar den Trailer vom Film, aber momentan kann ich kein weiteres Drama ertragen ...lach.. aber vielleicht irgendwann. Mal schauen was die Oscars sagen...

      Komm mir gut in die neue Woche
      Inga

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